Dieser Satz beschreibt ziemlich treffend das Grundgefühl der Zeit, in der wir gerade leben. Dinge verändern sich rasend schnell – und ich erlebe in Projekten, Vorträgen und Gesprächen fast täglich, wie sehr Menschen davon überfordert sind.
Ganz ehrlich: Ich bin es auch. Ich glaube, wir sind das eigentlich alle. Selbst diejenigen unter uns, die Innovation grundsätzlich begrüßen und neue Technologien spannend finden – wir Internet-Veteranen, die schon so manche digitale Welle mitgeritten haben –, kommen momentan an einen Punkt, an dem die Geschwindigkeit schlicht atemberaubend hoch ist. Und diese Überforderung macht unterschiedliche Dinge mit uns: Die einen versuchen irgendwie darin mitzuschwimmen, probieren aus, lernen und passen sich an. Die anderen wehren sich eher dagegen.
Was es zusätzlich schwierig macht: Es verändert sich ja gerade nicht nur eine Sache. Wir leben ohnehin in einer Phase, die von multiplen Krisen geprägt ist – Klimawandel, geopolitische Umbrüche, wirtschaftliche Unsicherheit und demografischer Wandel finden gleichzeitig statt. Und mitten hinein bricht eine technologische Entwicklung, die möglicherweise Arbeit – und damit ein zentrales Fundament unseres gesellschaftlichen Konstrukts – grundlegend verändert.
Vielleicht können wir das Ganze gerade auch deshalb gar nicht richtig erfassen. Weil einfach sehr viel gleichzeitig passiert und sich die Wellen gegenseitig überlagern. Der Schweizer Ethiker Peter G. Kirchschläger hat das in der Republik treffend als das Paradox der machtlosen Ermächtigung beschrieben: Noch nie zuvor hatten Menschen so viel Macht und Werkzeuge, um eine neue Realität zu schaffen – und noch nie fühlten sich so viele Menschen angesichts des Tempos gleichzeitig so ohnmächtig (in meinem letzten Beitrag hab ich darüber intensiver geschrieben).
Der verständliche Reflex zum Kleinreden
Was ich in Diskussionen besonders häufig erlebe, ist eine fast reflexhafte Form von Abwehr. Dann heißt es schnell, KI sei eigentlich gar nicht so gut: Sie mache zu viele Fehler, halluziniere, könne den eigenen Job sowieso nicht und verstehe letztlich nicht wirklich, was sie tut.
Man kann das natürlich als Vogelstrauß-Taktik abtun. Ich glaube aber, dass es sinnvoller ist, erst einmal zu verstehen, warum Menschen so reagieren. Denn dieser Reflex ist zutiefst menschlich.
Wenn eine Entwicklung potenziell den eigenen Beruf, die eigene Rolle oder sogar die wirtschaftliche Existenz infrage stellt, sucht man instinktiv nach Argumenten dafür, warum das alles doch nicht so dramatisch wird. Je fähiger und autonomer Systeme werden, desto skeptischer und abwehrender reagieren Nutzer*innen. Die Skepsis ist oft keine Verweigerung aus Unwissenheit – sie ist eine Schutzreaktion. Und das Interessante daran: Viele dieser Einwände stimmen heute ja sogar. KI ist fehlerhaft, sie kann viele Dinge nicht, produziert teilweise erstaunlich schlechte Ergebnisse und braucht permanente menschliche Kontrolle.
Aber das ist eben nur der heutige Zustand.
Genau deshalb lässt mich der Satz „This is the slowest it will ever be“ nicht los. Denn wir erleben möglicherweise nicht nur die langsamste Phase dieser Entwicklung, sondern wir arbeiten gleichzeitig mit der schlechtesten Version dieser Technologien, die wir jemals haben werden. Wie ich schon in meinem Beitrag über die Paradoxien der KI geschrieben habe: Fortschritt verläuft selten geradlinig, sondern dialektisch über den Umweg des Unfertigen – ein System zeigt in seiner Anwendung, was ihm fehlt, und wächst genau daran.
Die Systeme, die wir heute kritisieren, werden besser werden. Und das gilt nicht nur für KI, sondern genauso für Robotik, Biomedizin und Sensorik. Wirklich spannend wird es vermutlich dort, wo diese Entwicklungen zusammenkommen und sich gegenseitig verstärken: Wenn generative Intelligenz auf Robotik, Diagnostik oder Prozessautomatisierung trifft, entstehen Veränderungen, die wir uns heute noch gar nicht wirklich vorstellen können.
Zwischen Euphorie und Dystopie
Ich merke bei mir selbst, dass ich in der Beschäftigung mit diesen Themen ständig zwischen zwei Polen schwanke. In meinem Artikel Zwischen Blase, Singularität und Verdummung habe ich versucht, genau dieses Spannungsfeld aufzudröseln: Weder die bequeme Euphorie noch der wohlige Zynismus bringen uns weiter.
Auf der einen Seite sehe ich jeden Tag in meiner Praxis, was heute schon möglich ist. Ich sehe, wie KI Menschen helfen kann, ihre Arbeit spürbar leichter zu machen und Aufgaben abzugeben, die sie ermüden, langweilen oder schlicht wenig dazu beitragen, dass man am Ende des Tages das Gefühl hat, etwas Sinnvolles bewirkt zu haben.
Darin steckt eine enorme Chance: Wenn Technologie uns repetitive Fleißarbeit abnimmt und wir dafür mehr Zeit für Dinge gewinnen, bei denen wir strategisch denken, kreativ sind, Entscheidungen treffen oder mit anderen Menschen interagieren, dann ist das ein großer Gewinn. Das ist genau der Pfad der Augmentation, den ich in Mensch und Arbeit im KI-Zeitalter beschrieben habe – der Mensch bleibt Gestalter und nutzt die Maschine als Hebel, statt zur reinen Kontrollinstanz degradiert zu werden.
Auf der anderen Seite macht mir die Entwicklung auch Sorgen!
Ich habe Kinder – und natürlich frage ich mich, welche Arbeitswelt sie einmal erleben werden. Welche Fähigkeiten werden dann überhaupt noch relevant sein? Woran werden sie wachsen können, wenn Computer und Roboter uns in immer mehr Bereichen überlegen sind? Wie bilden junge Menschen Urteilskraft und Expertise aus, wenn der mühsame Weg des Ausprobierens und Fehlermachens an Systeme delegiert wird?
Nicht morgen. Vielleicht auch nicht in fünf Jahren. Aber irgendwann.
Wir nennen es Arbeit
Oft wird angenommen, dass eingesparte Zeit automatisch zu mehr Wertschöpfung oder Lebensqualität führt. Die Realität sieht oft anders aus: Eine aktuelle BCG-Erhebung zeigt zwar, dass 42 Prozent der Befragten durch KI rund acht Stunden pro Woche einsparen – aber zwei Drittel von ihnen überhaupt keine Anleitung oder Idee haben, was sie mit der gewonnenen Zeit anfangen sollen.
Zeit sparen ist eine Rechengröße. Sinn stiften ist eine Kulturfrage.
Denn sehr vieles in unserer Gesellschaft ist historisch um Arbeit herum gebaut: Arbeit bedeutet Einkommen, Status und soziale Struktur; sie bestimmt den Rhythmus unseres Alltags und ist für viele Menschen ein zentraler Pfeiler ihrer Identität.
Wenn sich das grundlegend verschiebt, verändert sich weit mehr als nur der Arbeitsmarkt.
Vielleicht ist deshalb die Frage, welche konkreten Aufgaben wir als Nächstes delegieren an KI (etc.), gar nicht die interessanteste.
Natürlich wird es weiterhin Arbeit geben, neue Berufsfelder werden entstehen und Menschen werden noch sehr lange Dinge besser können als Maschinen. Aber vielleicht müssen wir trotzdem anfangen, über eine ganz andere Ebene nachzudenken:
Was passiert, wenn wir irgendwann deutlich weniger arbeiten müssen – oder einfach radikal anders arbeiten? Wie verteilen wir Wohlstand und Produktivitätsgewinne, wenn Wertschöpfung sich zunehmend von menschlicher Arbeitszeit entkoppelt? Wie funktioniert gesellschaftliche Teilhabe in einer solchen Welt?
Und vielleicht ist genau das für mich die grundsätzliche Frage hinter der ganzen Debatte:
Wer sind wir eigentlich, wenn Arbeit nicht mehr so zentral für unser Leben und unsere Identität ist wie heute?
Ich weiß darauf keine einfache Antwort 😉
Und genau darin liegt für mich gleichzeitig etwas Faszinierendes und etwas Beunruhigendes. Wir wissen nicht genau, wohin diese Entwicklung führt, und wir wissen nicht, wie schnell sie verlaufen wird. Aber ich glaube, es ist gefährlich, aus der heutigen Unvollkommenheit abzuleiten, dass sie wenig tiefgreifend sein wird.
Vielleicht erleben wir gerade nicht die schnelle Phase dieser Entwicklung. Vielleicht erleben wir tatsächlich gerade erst die langsame.