Zwischen Blase, Singularität und Verdummung: Wem soll man eigentlich bei KI glauben?

Treffen sich ein Aktivist, ein Unternehmensberater, ein Kolumnist und ein Philosoph – und reden über künstliche Intelligenz. Was klingt wie der Anfang eines mittelguten Witzes, passiert aber gerade in meinem Newsfeed. Okay, sie sprechen nicht miteinander – aber zu mir 😉

Der Aktivist: Cory Doctorow, der ziemlich überzeugend vorrechnet, warum die KI-Ökonomie auf einer Blase aus zirkulären Umsätzen steht. Der Unternehmensberater: Salim Ismail, der ebenso überzeugend erklärt, dass Organisationen, die jetzt nicht KI-nativ werden, vom Markt verschwinden – und von Organizational Singularity spricht. Der Kolumnist: David Brooks in The Atlantic, mit der Warnung, dass uns die KI-Delegation dem Menschen das Denken abtrainiert. Und der Philosoph: Slavoj Žižek – eh klar – über KI und Psychoanalyse.

Man sieht, ich recherchiere ganz bewusst so: viel, quer und absichtlich aus Ecken, die einander nicht ausstehen können. Der Grund ist ist simpel: weil ich bei diesem Thema die Sorge habe unbemerkt in eine der beiden bequemen Ecken zu kippen. In die Euphorie, weil mich die Technologie ehrlich begeistert und ich täglich damit arbeite. Oder in den wohligen Zynismus, weil sich Skepsis gerade so angenehm klug anfühlt.

Beides ist verführerisch. Beides ist, meiner Meinung nach, eine Denkabkürzung. Nur wenn man das alles verinnerlicht hat, fragt man sich unweigerlich: Wem soll man jetzt eigentlich glauben?

Vier Stimmen, vier Wahrheiten

Ich versuche die Positionen kurz zu skizzieren – und auch, wie ich die Widersprüche für mich auflöse.

Der Aktivist hat recht damit, dass hier Kapital in einem Ausmaß verbrannt wird, das an 1999 erinnert – und dass „Automatisierung“ in der Praxis leider oft bedeutet: Ein Mensch nickt im Sekundentakt Maschinenvorschläge ab und haftet dafür. Aber er irrt, wenn er daraus ableitet, dass nicht trotzdem etwas Substanzielles entstehen kann. Die Dotcom-Blase ist geplatzt, das Internet ist geblieben. Überinvestition und Substanz schließen einander nicht aus – das haben wir Internet-Veteranen schon einmal erlebt.

Der Berater hat recht damit, dass die Umsetzung dramatisch billiger wird. Ein Feature (oder Content oder …) zu bauen kostet heute tatsächlich oft weniger als das Meeting darüber. Aber seine Referenzfälle im Silicon Valley sind handverlesene Unternehmen ohne Legacy, ohne Betriebsrat, ohne Regulierung. Und man darf freundlich anmerken: Wer ein 90-Tage-Transformationsprogramm verkauft, dessen Diagnose lautet erstaunlich zuverlässig, dass man genau jetzt 90 Tage Transformation braucht 😉

Der kritische Kolumnist hat recht damit, dass nur der souverän mit KI-Assistenz arbeitet, wer den Prozess dahinter versteht. Halbwissen unter Zeitdruck erzeugt die höchsten Fehlerquoten. Aber nicht jede Entlastung ist gleich der Verfall von Fähigkeiten. Niemand von uns trauert dem schriftlichen Dividieren nach. Die Frage ist nicht, ob wir auslagern, sondern was und wie.

Und der Philosoph hat recht damit, dass KI nicht einfach ein weiteres Werkzeug ist. Sie verändert, wie wir denken, entscheiden und Verantwortung organisieren. Aber daraus folgt keine große Geste, sondern eine praktische Frage: Wie gehen wir jetzt damit um?

Žižek zeigt – so verstehe ich ihn – drei falsche Reflexe:

  • Kontrollieren: KI soll reguliert, überwacht und in Schach gehalten werden. Das ist verständlich. Aber Kontrolle allein gestaltet nichts. Sie verhindert höchstens, dass wir lernen, sinnvoll mit KI zu arbeiten.
  • Fürchten: KI erscheint als Bedrohung, die uns ersetzt. Die Sorge ist berechtigt. Aber Angst macht passiv. Wer nur bremst, überlässt die Gestaltung anderen.
  • Ausliefern: KI wird zur Zukunft erklärt, der man sich bedingungslos anpassen muss. Das klingt progressiv, ist aber ebenfalls Kontrollverlust. Dann entscheidet die Technologie, nicht mehr der Mensch.

Der vierte Weg liegt dazwischen: KI weder bekämpfen noch verehren, sondern verstehen, begrenzen und so einsetzen, dass menschliches Urteil stärker wird – nicht schwächer.

Vier kluge Leute. Vier Widersprüche. Wer hat Recht? Hat der Aktivist recht beim Geld? Der Berater beim Tempo? Der Kolumnist beim Gehirn? Der Philosoph beim Rest?

Die falsche Frage

Und jetzt meine Auflösung, die keine ist – oder vielleicht doch: „Blase oder Singularität?“ ist meiner Meinung nach nicht beantwortbar. Aber sie ist für die meisten unserer Entscheidungen gar nicht relevant!

Die bessere Frage lautet: Welche Entscheidung ist in beiden Welten richtig?

Denn ein Teil der möglichen Maßnahmen lohnt sich völlig unabhängig davon, wer am Ende recht behält. Für die gute Nutzung von KI müssen wir:

  • Prozesse und Wissen sauber dokumentieren,
  • Daten in Ordnung bringen,
  • uns selbst und den Mitarbeiter*innen echte KI-Kompetenz ermöglichen sowie
  • Klären, wer mit welchen Daten was tun darf.

Nichts davon ist verlorenes Geld, wenn die Blase platzt. Nichts davon ist verpasste Chance, wenn sie es nicht tut. Also: No-Regret-Moves.

Und der Widerspruch zwischen Berater und kritischem Kolumnist?

Bleibt der Widerspruch, der mich stark beschäftigt hat: KI-Nutzung als Fortschritt oder als Verdummung? Auch hier hilft, glaube ich, eine bessere Frage oder besser zwei.

Kann ich das Ergebnis kompetent prüfen? Und: Muss diese Fähigkeit bei mir bleiben – weil an ihr Urteilskraft, Kontrolle oder das Lernen der Nächsten hängt?

Wer beide Fragen für (s)eine konkrete Tätigkeit beantwortet, braucht den Glaubenskrieg nicht mehr:

  • Zusammenfassungen, Formatierungen, Recherche-Rohmaterial: prüfbar, nicht kritisch – soll die KI gern erledigen.
  • Strategie, Argumentation, alles, woran man selbst oder der Nachwuchs wachsen soll: Hier ist die KI Sparringspartner, nicht Erlediger. Erst die eigene These formulieren, dann: „Greif meine Logik an.“
  • Und der Rest bleibt bewusst beim Menschen: finale Bewertungen, ethische Abwägungen, die Fähigkeit, auch ohne System handlungsfähig zu bleiben.

Was bleibt?

Bleibt noch die Pointe des Witzes vom Anfang. Ich muss gestehen: Es gibt keine. Die vier sitzen, soweit ich das überblicke, immer noch am Tisch und reden. Keiner steht auf. Sie leben ja alle nicht schlecht davon, dass das Gespräch weitergeht.

Die Pointe müssen wir uns also selbst schreiben. Meine lautet:

Ob wir in einer Blase stecken oder am Beginn von etwas sehr Großem wie der Singularität – ich weiß es nicht. Und ich misstraue inzwischen jedem, der es zu wissen behauptet.

Aber wer dokumentiert, prüft, dazulernt, gewinnt in beiden Fällen – auch wenn das fad klingt.

Das ist keine Prognose. Das ist mein Plan. Und verglichen mit dem, was einem an unterschiedlichen Prognosen derzeit so angeboten wird, ist vielleicht ausgerechnet das die aufregendere Variante.

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